Von einfachen Dingen erzählen


„Nach meiner Ansicht kann man nicht behaupten, etwas gesehen zu haben, bevor man es fotografiert hat.“

– Emile Zola –


In den Jahren 2021/2022 zieht der Fotograf sich zurück in sein Studio. Das Studio wird für ihn mehr und mehr zum Schutzraum, der Ruhe und Konzentration bringt und ihm ermöglicht fokussiert und in Versunkenheit zu arbeiten. Hier wird es ihm möglich, seine Werkreihe mit dem Arbeitstitel Absurde Stillleben zu entwickeln und umzusetzen. Hier erhält der Fotograf seine Daseinsberechtigung und innere Sicherheit. Doch die Welt drinnen als besser zu empfinden als die Welt draußen, ist nicht als Resignation zu verstehen, sondern als ein bewusst gewählter Ort für seinen Werkentstehungsprozess in der notwendigen Abgrenzung vom Außen - der Welt, in der einfach so viel los ist, dass man es weder greifen noch begreifen könnte.


Hayo Heye wählt Gegenstände ohne Intention, Objekte, die absichtlich keinen Inhalt generieren. Er arrangiert sie vordergründig zu Bildwelten ohne Titel. Es entstehen Abbildungen von Dingen, die einfach so sein können.


Viele nicht gewählte Objekte stehen dem Fotografen optional zur Verfügung. Eine innere Logik entscheidet: Wenn sie nicht passen, kommen sie nicht aufs Foto. Sie bleiben für ein eventuelles Später. Andere werden ausgewählt und folgen einem scheinbar einfachen Prinzip.


Die Dinge können nicht woanders liegen


Die Welt, die Hayo Heye baut, ist für ihn perfekt. Es hat einfach keinen Sinn, die Dinge anders anzuordnen oder andere Überschneidungen zu inszenieren.


Formgebung, Ästhetik und Komposition folgen für den Fotografen einer absoluten Logik: Wann berührt ein Schatten dieses Objekt, wann fällt das Licht „richtig“ auf jenes, das sich wiederum in die Mulde eines fremden Schattens schmiegt. Es entspinnt sich ein Netz aus Licht und Schatten und kristallklaren Dingen, die miteinander sind und in einer unverrückbaren Verbindung zueinander stehen. Farbiger Akzent und Teil jedes Werks ist die spontane Farbwahl des eingebetteten Fotokartons, der grafische Ordnung schafft und das homogene Netz aus Objekten und ihren Schatten in die plausible farbige Struktur der Bildwelt des Fotografen trägt.


Die konservative Lichtführung, die zurück geht auf die 20er/30er Jahre und eine Renaissance in den 80ern erlebte, könnte man als Sezierlicht beschreiben. Diesen Begriff hatte in den 90er Jahren eine Redakteurin des Verlags Gruner & Jahr geprägt in der Betrachtung der Arbeiten des Fotografen. Klarheit herrscht vor, der Untergrund zeigt seine papierene Struktur und ein zarter Verlauf ins leichteste Grau schafft einen haptischen Boden, auf dem die Bildwelt des Fotografen zu schweben scheint.


Betonung auf das Sein


Bildnachbearbeitung dient dem Fotografen zur Klärung. Sie findet in dem Maße statt, dass die Betrachter*innen nicht fernab einer Realität geleitet werden. Es ist keine Verfremdung, sondern ein Herausschälen, was den Ursprung angeht.


Etwas in einem bestimmten Look haben zu wollen, ist hier nicht die Frage. Partielle Tonwertkorrekturen werden mit dem Ziel vorgenommen, die Betonung auf das Objekt oder die Objekte in ihrer Verwobenheit miteinander zu schaffen. Es entsteht eine Bildschrift, die für die Betrachter*innen lesbar gemacht wird. Und ihr Schatten eben, er hebt die Dinge an und „…Dir springen die Teile entgegen.“


Sich nicht festlegen


Aus kunsthistorischer Betrachtung ist man geneigt zu fragen: Handelt es sich bei dieser Art der Fotografie um Ready Mades?

Der Fotograf konterkariert die Spekulation mit einer Anlehnung an Marcel Duchamp und zitiert das Pissoir, Flacon, Flaschentrockner und Rad.


Eins ist klar: Die Welt dreht sich und wir sind ihre Passagiere.


Text: Bianca Müllner