In Hayo Heyes Fotografien erkennt man zunächst wenig: gekreuzte Ritzungen in grafischem All over, amorphe Kerben und in Schollen geborstene Oberflächen oder wolkig aufgeworfene Faltenformationen, scheinbar informelle Bilder einer dergestalt entfremdeten Topografie, aber auch augenfällige Designerstücke, doch schimmlig, modrig überwuchert, Einbruch des Morbiden in die Welt des schönen Scheins, – Hayo Heye wagt mit seinen Arbeiten den Schritt zu einer subjektiven, quasi abbildungslosen Fotografie. Hier kommen ganz andere Traditionen des Bildes in Sicht.

Hayo Heye erweist sich mit seiner ungekünstelten Dingfotografie als unermüdlicher Motivsucher von abstrakten Mustern und surreal anmutenden Erscheinungen. Aufmerksam, beharrlich, fast obsessiv durchstreift er Hamburg und erstellt mit sicherem Auge für das vermeintlich Unscheinbare oder gar Abseitige eine umfangreiche Sammlung von Lebenszeichen mit der poetischen Patina des Vergänglichen. Mit seinen Aufnahmen von Tischplatten aus Hamburger Hochschulen, von Mülltüten und Entsorgungscontainern löst sich Hayo Heye weitgehend vom Abbildcharakter des fotografischen Bildes. Er lässt mit stiller Aufsicht, gleichmäßiger Beleuchtung und Tiefenschärfe bis ins Detail die Dinge selbst in ihrer materiellen Substanz und den ihnen eigenen Strukturen sprechen. Damit transformiert ein konkretes Objekt in seiner fotografischen Zusammenfassung zur grafischen Farbform, deren Entschlüsselung zuweilen einer akribisch genauen Bildbesichtigung bedarf.

Sein Hamburger Atelier wird zuweilen zur künstlerischen Alchemistenküche. Hayo Heye unterwirft in fast wissenschaftlicher Versuchsanordnung eigene Großbilddias aus seiner Zeit als Werbefotograf einem eigens entwickelten, dabei symbolisch bewertetem Verwesungs- und Fäulnisprozess. In Zersetzung und Zerstörung überlässt er das alte Abbild faktisch wie metaphorisch seinem schicksalhaften Verfall – Zeit und Vergänglichkeit sind hier zentrale Werkkategorien. In Hayo Heyes Fotografien gerät die Wirklichkeit leicht aus dem Gesichtsfeld, dann tritt Erleben unverstellt von gegenständlichen Bezügen vor Augen.

Jens Martin Neumann / freier Kunsthistoriker / Kiel

Previous   Next